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Journée Internationale in Nizza

Rede von Jason Es-Salim , gehalten am 1. August 2011 in Nizza aus Anlass des Journée Internationale

 
 
 
Vielen Dank!
 
Es ist eine Ehre für mich, Teil dieser Veranstaltung zu sein. Ich danke den Initiatoren von „placet Franc“ für die Einladung und Frau Sybille von Plessen für Ihr außerordentliches Engagement für die Opfer von Terror.
 
Die Arbeit von placet hat mir gezeigt, wie wichtig die plastische Chirurgie für die Betroffenen ist.
 
Und welche Erfolge man mit der modernen plastischen Chirurgie erzielen kann.
 
Ich möchte die plastische Chirurgie bei dem Kampf gegen Terror nicht an erster Stelle führen, da der Ansatz, Terror zu vermeiden, sicher der Bessere ist.
 
Wenn wir Terror vermeiden möchten, müssen wir die Ursachen des Terrors verstehen.
 
Betrachten wir zunächst die Pfeiler unseres Wohlstandes:
 
Wir, - die, die wir hier versammelt sind, - haben das Privileg, in einem Land zu leben, das frei ist von Terror und Krieg.
 
Wie kommt dieses Privileg nun zustande?
 
Das Privileg basiert darauf, dass unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden. Wir alle haben ausreichend Nahrung, genügend sauberes Wasser und ein funktionierendes Rechtssystem. Wir leben in einem Land, in dem wir jederzeit das Recht und die Möglichkeit besitzen, unsere Situation zu verändern, wenn wir diese als unbehaglich empfinden.
 
Das Privileg basiert weiterhin auf der Erkenntnis, dass gelebte Nächstenliebe mehr Sicherheit verspricht als Hass, Neid und Missgunst.
 
Wenden wir uns nun dem Gegensatz zu verbunden mit der analytischen Frage „wie wir frei sein können von Terror“. Mit „wir“ meine ich in diesem Fall die Weltgemeinschaft.
 
Leid ist immer ein Nährboden für noch mehr Leid. Somit basiert auch Terror auf Leid. Meistens sind die Zusammenhänge von Leid für die Menschen nicht immer offensichtlich. Hunger, Gewalt, Unterdrückung und Hoffnungslosigkeit sind die Basis der Gewalt  beziehungsweise der Ursprung der Idee, dieses Missverhältnis gewaltsam zu beseitigen.
 
Lassen Sie mich hierzu ein paar Beispiele aufzählen:
 
In Mexico war die Region Ciudad Juárez bekannt für Textilherstellung und Elektroindustrie. Die Menschen in dieser Region hatten Arbeit und konnten ihren Lebensunterhalt bestreiten.
 
Durch den zunehmenden Preisdruck in der Textil- und Elektroindustrie - insbesondere der Labels, die hier ebenfalls auf dem Markt sind - wurden immer mehr Fabriken geschlossen. Die Produktion wurde in billigere Länder wie China, Bangladesch, Vietnam und Kambodscha verlagert. Die Region Ciudas Juárez verlor somit innerhalb weniger Jahre 160.000 Arbeitsplätze bis zur fast vollständigen Aufgabe des Produktionsstandortes in Ciudad Juárez, Mexico.
 
Wo Armut entsteht, entsteht Leid. Und wo Leid entsteht, da entstehen schlechte Ideen.
 
Die traurige Bilanz ist, dass in dieser Region im Jahr 2008 1000 Morde gezählt wurden. Im Jahr 2009 waren es bereits 2000 Morde und im vergangenen Jahr 2010 3000 Morde. Und dies in einer Region, die gerade 1,3 Millionen Einwohner hat.
 
Sie sehen hier an diesem Beispiel eine der Ursachen von Gewalt.
 
Werfen wir nun einen Blick auf das zuvor erwähnte Land Bangladesch mit einem Mindestlohn von 34,- Euro pro Monat.
 
Da Preise für Lebensmittel wie Reis Weltmarktpreise sind, steht der Preis für ein Kilo Reis dort in keinem annehmbaren Verhältnis zum Arbeitslohn.
 
Zudem verschärft sich diese Situation durch den Anstieg des Preises für Reis durch die Einführung sogenannter „umweltfreundlicher Kraftstoffe“.
 
Mit dem Resultat, dass die Textilarbeiter in Bangladesch auf die Straße gingen, um für eine Erhöhung der Mindestlöhne von € 27,- monatlich im Jahr 2010 zu demonstrieren. In jenem Jahr, kamen bei Auseinandersetzungen 20 Menschen ums Leben.
 
Dieser Missstand resultiert daraus, dass diejenigen, die Macht besitzen, -  damit meine ich die westliche Welt -  denen, die keine Wahl haben, die Preise zur Produktion diktieren.
 
Solche Gegebenheiten schaffen einen Nährboden für radikale terroristische Ideen. Personen, die sich in diesem Kreis befinden, haben wenig zu verlieren.
 
Das Leid der Bevölkerung, die ausbeutet wird, kann nicht dadurch kompensiert werden, dass man anderen Menschen hilft, ein besseres Leben zu führen. Wir müssen vielmehr die Zusammenhänge verstehen und durch unser Handeln und unser Konsumverhalten darauf achten, dass nicht nur die Unternehmen, von denen wir kaufen, sondern auch die Zulieferketten darauf achten, dass die Arbeiter menschenwürdig bezahlt werden und unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten.
 
Damit meine ich insbesondere die transnationalen Konzerne mit ihren Nachhaltigkeitsberichten und Strategien.
 
Einen weiteren Zündpunkt sehe ich in dem Hegemonialstreben einiger Staaten meist aufgrund wirtschaftlicher Interessen.
 
Wir sehen anhand der Beispiele Irak, Afghanistan, Tschetschenien, dass Gewalt nur ein unzulängliches Mittel ist, Terror zu bekämpfen.
 
Je radikaler und gewaltsamer man versucht, einen Konflikt zu unterdrücken, umso gewaltsamer schlägt diese Welle zurück.
 
Die Hegemonialpolitik der Supermächte sowie der Nato wird uns nicht vom Terror befreien. Befreien kann uns nur eine Politik des Dialogs und des Verstehens verbunden mit einer Lebensweise, die nicht Unterdrückung und Ausbeutung unterstützt.
 
Wenn wir urteilen, müssen wir erst versuchen, beide Seiten eines Konfliktes zu verstehen, denn nur daraus kann sich eine unvoreingenommene Meinung entwickeln.
 
Und aus dieser Meinung erwächst dann die Erkenntnis des richtigen Handelns. Aber seien wir wachsam:
 
Die Medien offerieren uns häufig Meinungen von Parteivertretern, die uns konditionieren und uns dadurch eine Meinung vorgeben. Es wird gesagt, die einen sind gut und die anderen böse.
 
Wir müssen uns bewusst sein, dass Schuld keine Kollektivschuld ist.
 
Da unzulängliche Ideen jedoch mannigfaltig sind, wird es nicht möglich sein, alle Ansätze von Terror zu eliminieren und daher benötigen wir Organisationen wie placet.
 
Wenn also die Vermeidung von Terror zwar der wichtigste Ansatz ist, wird dieses Vorhaben für die Opfer und Angehörigen von Terror sekundär. Für sie beginnt ein neuer Kampf.
 
Ein Kampf, der viel härter, arbeitsintensiver und mit mehr Leid verbunden ist, als es die Vermeidung von Terror jemals sein kann.
 
Und für diese Arbeit brauchen die Opfer eine breite Unterstützung. Die Unterstützung, sei es durch Hinweise, wo Betroffene sich befinden, sei es durch Geld oder aktive Mitarbeit. Das Thema geht uns alle an.
 
Die Folgen von Terror, so wie ich sie gesehen habe, trafen Menschen, die zum Teil nichts von einer Gefahr ahnten: Gäste in einem Café, Personen, die an einer Bushaltestelle warteten oder spielende Kinder, die eine Mine für Spielzeug hielten.
 
Sie können nicht sagen, diese Schlacht, sie ist nicht die meine: Terror sucht sich seine Opfer nicht explizit aus, er bezieht immer auch das Umfeld mit ein.
 
Die Opfer von Terror, die placet behandelt, sind ausschließlich Unschuldige.
 
Wir sollten unser eingangs erwähntes Privileg dazu nutzen, denen zu helfen, die dieses Privileg nicht besitzen, denen, die unschuldig sind. Seien Sie Botschafter einer Botschaft, die heißt „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und zeigen Sie es, demonstrieren Sie es, stiften Sie andere dazu an, dieses ebenfalls zu tun. Und mit vereinten Kräften sind wir vielleicht der Impuls für eine bessere Welt.